Der Artikel wurde im Jahr 2017 veröffentlicht.


Walter Joseph Slodki,
geboren am 26. April 1914 in Pirmasens, gestorben am 08. Januar 2013 in New York –
Zeitlebens ein Pirmasenser


Von Otmar Weber



Die Wahrsagerin, die 1926 auf dem Pirmasenser Jahrmarkt dem zwölfjährigen Walter Slodki ein Alter von 93 Jahren aus seinen Handlinien vorausgesagte, hat sich nur um wenige Jahre vertan. Walter Slodki ist am 08. Januar 2013 mit 99 Jahren in New York gestorben.

Walter Slodki, der 1939 von den Nazis zur Emigration gezwungen wurde, fühlte sich seiner Heimatstadt immer verbunden. In unzähligen Telefonaten, in seinen Briefen und vor allem mit seinen vielen Fotos erinnerte er sich immer an die schöneren Tage in Pirmasens.
Er war stolz auf sein Elternhaus. Wiederholt hat er erwähnt, dass sein Vater, Markus Slodki, beim berühmten Kantorenlehrer Lewandowski in Berlin eine Ausbildung zum Kantor absolvierte und seine Mutter Berta, geborene Levi, aus einer wohlhabenden Familie stammte, die in Walldorf Tabak- und Hopfenanbau betrieb. Bertas Bruder war im Ersten Weltkrieg ein bekannter Feldrabbiner und später Rabbiner in Mainz.
Unter dem schrecklichen Tod seiner geliebten Mutter, die 1941 im KZ Riga umgekommen ist, hat Walter Slodki zeitlebens gelitten.

Walter Slodki besuchte die Oberrealschule (heute Leibniz-Gymnasium), wo er 1933 sein Abitur machte. Seine Leistungen waren über die gesamte Schulzeit hervorragend und die Lehrer waren voll des Lobes. Die Wertschätzung im Reifezeugnis der Oberrealschule Pirmasens vom 06. April 1933 könnte gleichsam als Beurteilung über seinem späteren Lebensweg stehen, denn dort heißt es: „Der sehr gewandte und zuvorkommende Schüler legte stets ein in jeder Hinsicht zuverlässiges Wesen an den Tag und erwarb sich durch unverdrossenen Fleiß und rege Aufmerksamkeit ein anerkennenswertes Wissen. Bei Schulfeiern betätigte er sich als Geiger und Tänzer. Am Unterricht in Spanisch beteiligte er sich zwei Jahre lang mit gutem Erfolg.“ Seine Leistungen in den erteilten 12 Fächern wurden durchgängig mit ‚hervorragend’ benotet. Walter Slodki war aber nicht nur ein sehr guter Schüler, sondern ein ebenso guter Stenograph, Theaterspieler und Sportler. Als begeisterter Handballspieler war er zugleich Leiter der jüdischen Handballmannschaft in Pirmasens.
Nach dem Krieg war sein ehemaliger Lehrer, Dr. Konrad Egersdörfer, einer der Ersten, der den Kontakt zu Walter Slodki suchte. Seinen dreiseitigen Brief vom 05. Oktober 1947 an Walter Slodki, in dem er ausführlich den Zustand der jüdischen Abteilung im Pirmasenser Waldfriedhof beschreibt, beginnt er mit einem persönlichen Bekenntnis: „Die Verfolgung und Not der Juden habe ich in tiefster Seele miterlebt und miterlitten. Das Unglück, das eine Verbrecherbande über Deutschland brachte, ist mir noch heute unfassbar, man darf gar nicht daran denken. Aber Sie können mir glauben, der bessere Teil der Deutschen, die gebildeten Kreise, haben die Nazis gehasst wie die Pest. Aber wir waren ein Volk von Sklaven und die Hände waren uns gebunden.“
In seiner Antwort vom 14. Januar 1948, bringt Walter Slodki seinen tiefen Respekt gegenüber seinem ehemaligen Lehrer zum Ausdruck. Er nennt ihn einen Pädagogen, der mit seinen eigenen Ideen lehrte. Im Deutschunterricht ging es ihm nicht nur um die Grammatik, sondern es wurde oft über Politik debattiert und in den vielen Diskussionen gab sich Dr. Egersdörfer stets als Demokrat und Pazifist zu erkennen, auch in einer Zeit als andere die Ideen des verehrten Lehrers zu erdrücken suchten. Slodkis Bewunderung und Verehrung für Dr. Egersdörfer wurde noch größer, als er selbst im Leben stand und den Wert einer guten Schule erkennen konnte.
Beste Erinnerungen hatte Walter Slodki auch an die Firma Schön & Cie. GmbH, Schuhmaschinenfabrik in der Teichstraße in Pirmasens, wo er vom 01. April 1933 bis zum 30. Juni 1936 tätig war. Einen Aufenthalt im Mai 1936 in Palästina, als er zwei Wochen lang die Firma Schön & Cie. bei der Levante-Ausstellung in Haifa vertrat, hat er nicht zur Emigration genutzt. Eine vertane Chance, denn nach seiner Rückkehr musste er seinen Arbeitsplatz in Pirmasens aufgeben. Er ging nach Berlin und leitete von 1937 bis 1939 eine Werkzeugmaschinenfabrik in Berlin-Siemensstadt. Vor seiner Emigration über England in die USA 1939 hat er nochmals Pirmasens besucht.
Später stellte sich Walter Slodki oft die Frage, wie es möglich war, dass im Jahre 1939 in Pirmasens noch fast 300 Juden lebten? Resigniert gab er sich immer die gleiche Antwort, dass es damals fast keine Auswanderungsmöglichkeiten mehr gegeben hat.

Walter Slodki wurde 1943 zur US-Army in das 99. Infanterieregiment eingezogen. Bevor sein Regiment 1944 in der Ardennenschlacht eingesetzt wurde, erhielt er, aufgrund seiner Deutschkenntnisse eine Versetzung nach Washington. Er absolvierte eine Ausbildung, um deutsche Kriegsgefangene umzuerziehen (reeducation) und sie mit demokratischen Spielregeln vertraut zu machen, damit sie nach ihrer Rückkehr am Aufbau eines demokratischen Deutschlands mithelfen konnten.
Für diese Aufgabe wurde Slodki in einem Kriegsgefangenenlager in Texas eingesetzt. Im Lager traf er einen Pirmasenser Sozialdemokraten der nur etwa 100 m von seiner elterlichen Wohnung, Zweibrückerstraße 40, entfernt gewohnt hatte.

In Zeiten größter Not zeigte Walter Slodki menschliche Größe. Nach all dem Leid, das ihm und seiner Familie in Deutschland angetan wurde, war er nicht von Hass und Verbitterung geprägt, sondern schickte sofort nach Kriegsende großzügig Carepakete an seine hungernden Freunde in Pirmasens. Die erhaltenen Dankesbriefe zeugen von der Großherzigkeit Walter Slodkis. Walter Slodki beließ es aber nicht nur bei Carepaket-Sendungen, sondern setzte sich schon 1948 für den Export Pirmasenser Maschinen in die USA ein. Ein Verdienst, das nicht vergessen werden sollte. 1953 hat Walter Slodki seine Geburtsstadt zum ersten Mal nach dem Krieg besucht.
Zu einem Höhepunkt seines Engagements für Pirmasens darf mit Fug und Recht ein Referat gezählt werden, das Walter Slodki 1967 vor Fachleuten auf der Pirmasenser Schuhmesse gehalten hat. Das auf fünf Schreibmaschinenseiten bis ins Detail ausformulierte, mit handschriftlichen Randnotizen und Ergänzungen versehene Referat liegt im Original vor. Auf höchstem fachlichem Niveau referierte er über das Thema: „Die moderne Herstellung von geklebten Schuhen in den Vereinigten Staaten.“ In seiner ‚kleinen Rede’ versuchte Walter Slodki dem Auditorium die amerikanische Produktionsweise speziell der zukunftsweisenden Klebeherstellung zu erläutern.
In seinem Vortrag ging es Walter Slodki letztlich darum, die Exportchancen Pirmasenser Maschinenbauer auf dem US-Markt zu verbessern. Darauf kam er gegen Ende seines Referates zu sprechen, als er zur Herstellung von Maschinen aufforderte, die auf dem Weltmarkt gefragt waren. „Als Anregung an alle Maschineningenieure möchte ich sagen, dass eine wichtige Maschine bei der Klebeschuhfabrikation fehlt. Dies ist eine Oberlederaufrauhmaschine, die den Zwischeneinschlag am eingeleisteten Schuh automatisch aufrauht. Die Konstruktion dieser Maschine wäre für die gesamte Schuhindustrie von größter Bedeutung. Eine weitere Maschine, die benötigt würde, ist eine automatische Oberledercementiermaschine zum cementieren des Zwickeinschlages am eingeleisteten Schuh bei Verwendung von Latex-Cement. Ein Latex-Neoprene Cement zum cementieren des Zwickeinschlages nach dem Zwicken und eine Neoprene-Cement auf der Sohle würde nach Meinung von Fachleuten für verschiedene Lederarten eine gute Verbindung sein, da Latex-Neoprene viel besser in das Material eindringt.“
Walter Slodki, ein großzügiger Mäzen seiner Geburtsstadt, unterstützte den damaligen Oberbürgermeister Karl Rheinwald in seinem Bestreben, Pirmasens zu begrünen, mit einer Spende von 2000 DM. Mit Hilfe dieser Spende wurde der Parkplatz in der Winzler Straße umgestaltet und mit Bäumen bepflanzt. Im Auftrag des Oberbürgermeister dankte ihm sein Schulfreund und Stadtrat Herbert Dietzsch am 24. Juli 1984 für die Spende: „Der Gedanke, das dies zum Gedenken an Deine Eltern erfolgt, hat den Oberbürgermeister sehr beeindruckt. Die Bäume werden noch lange in Pirmasens stehen, vielleicht über 100 Jahre, so dass Du damit für Deine Eltern und natürlich auch für Deinen Namen in Deiner Geburtsstadt eine bleibende Erinnerung geschaffen hast. Dazu hast Du ein Vorbild gegeben, das hoffentlich andere Bürger nachmachen und auch Bäume spenden.“
Eine Spende in gleicher Höhe hat Walter Slodki ein Jahr später auch dem Leibniz-Gymnasium zukommen lassen.
Von bleibender Erinnerung an Walter Slodki zeugen aber nicht nur die Bäume in der Winzler Straße und großzügige Spenden, sondern vor allem der von ihm 1965 auf fünfzig Jahre gestiftete Preis für den besten Abiturienten am Leibniz-Gymnasium, der früheren Oberrealschule, wo er 1933 sein Abitur gemacht hat. Der SLODKIPREIS besteht aus einem Geldbetrag von 250- Euro, einer eigens geprägten Medaille aus Silber und einer Urkunde. Er wurde im Schuljahr 2014/2015 zum letzten Mal vergeben. Ob und wie es mit der Vergabe des SLODKIPREISES weitergehen soll, darüber wird der Förderverein des Leibniz-Gymnasiums entscheiden.

Am 08. Januar 2013 ist Walter Slodki in New York gestorben. Er wurde am 25. Januar 2013 im engsten Familienkreis auf dem Friedhof in New York bestattet. Seine Familie, Freunde seiner Freimaurer-Loge und Bekannte nahmen Abschied. Veteranen der US-Armee gaben ihm ein ehrendes Geleit. Sie stellten ein kleines Musikcorps, hissten an seinem Grab die US-Flagge und haben anschließend damit seinen Sarg bedeckt.
Trotz erlittener Demütigungen, Vertreibung und der Ermordung seiner Mutter durch den Rassenwahn der Nazis, blieb Walter Slodki zeitlebens seiner Heimat und Vaterstadt verbunden. Davon zeugen, wie erwähnt, seine Carepaket-Sendungen, seine frühzeitige Hilfestellung für die Pirmasenser Exportindustrie, seine vielen Besuche in Pirmasens, seine zahlreichen Spenden und insbesondere der SLODKIPREIS. Der Einsatz für seine Freunde und die Stadt Pirmasens, wenige Jahre nach Vertreibung und Krieg, zeugt von der bleibenden menschlichen Größe Walter Slodkis.

Zugleich bezeugte Walter Slodki stets Dankbarkeit und Respekt dem Land, das ihm Rettung und Aufstieg gewährt hat. Die USA haben ihm und seiner Schwester das Überleben ermöglicht. Seine Grabinschrift, die er vor seinem Tod formuliert hat, bringt in Schrift und Zeichen seinen Dank und sein Bekenntnis zum Judentum zum Ausdruck:
WALTER JOSEF SLODKI
SGT US ARMY
WORLD WAR II
APR 26 1914 ✡ JAN 8 2013

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