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Der Artikel wurde am 03.05.2025 in der Rheinpfalz Pirmasenser Rundschau veröffentlicht.


80 Jahre Kriegsende:
Einer der ersten jüdische Gottesdienste im befreiten Deutschland gehalten in Dahn –
Die Rainbow-Haggada

Von Otmar Weber

Am Donnerstag, dem 22. März 1945, erreichten um 18.25 Uhr die ersten amerikanischen Panzer die Dahner Ortsmitte. Es war die 42. Division (7. US-Armee), bekannt unter dem Namen Rainbow Division, die Dahn von der Naziherrschaft befreit.
Ein strahlend blauer Himmel wölbte sich über Dahn. Es war so warm, daß amerikanische Soldaten in den folgenden Tagen in der Wieslauter ein Erfrischungsbad nehmen konnten. In den Tagen nach dem Einmarsch mußten Häuser und Wohnungen für das amerikanische Militär geräumt werden. Die Besitzer wurden kurzerhand auf die Straße gesetzt und mußten selbst sehen, wie sie bei Verwandten und Bekannten Unterschlupf fanden.
Die Ausgehsperre dauerte von 18.30 Uhr bis 7.30 Uhr und mußte streng eingehalten werden. Ohne einen Passierschein, ausgestellt durch die Besatzungsmacht, konnte man Dahn nicht verlassen; sogar für die Feldarbeit bedurfte es anfangs einer Genehmigung.
Nach der Zeitzeugin Johanna Fischer musste sich die gesamte Bevölkerung an der Grünen Schule versammeln, dort verkündete ihnen von der Mauer ein amerikanischer Offizier in akzentfreiem Deutsch: WIR SIND DIE SIEGER UND IHR SEID DIE BESIEGTEN ! Damit waren die neuen Machtverhältnisse unmissverständlich klargestellt. Männer mussten hinter der Klamm ein Strafexerzieren absolvieren.

Viele jüdische Soldaten haben ihren Dienst in der Rainbow-Division geleistet. Viele dieser jungen Soldaten waren in den 1930er Jahren als Kinder oder Jugendliche aus Deutschland in die USA emigriert.
Es waren nur noch wenige Tage bis zum Pessachfest, eines der höchsten Feste der Juden. Zum Feiern des Festes fehlte die Haggadah, eine Erzählung und Handlungsanweisung für den Sederabend. Die Haggadah-Hefte waren in Verzug, weil der Nachschub den schnell vorrückenden Truppen nicht folgen konnte.

Der jüdische Divisionskaplan, Rabbi Eli Bohnen, setzte sich unverzüglich mit General Harry Collins, dem Divisionskommandeur, in Verbindung. Collins erkannte die Bedeutung des religiösen Feiertags auf dem Territorium der Nazis und unterstützte Bohnens Bemühungen, einen Seder für seine jüdischen Soldaten zu veranstalten. Laut Collins sollte die Feier des Pessachfestes in dieser Zeit eine besondere Bedeutung für die jüdischen Soldaten haben. Denn wie einst ihre Vorfahren für ihre Freiheit kämpften, so befinden sich jetzt die Soldaten in einem Kampf um Freiheit gegen einen modernen Pharao, der nicht nur das jüdische Volk, sondern die Völker der Welt zu Sklaven machen wollte.

Was man jetzt brauchte, waren Pessach-Haggadah.
In aller Eile entstand damals in Dahn zum Pessachfest eine eigene Ausgabe der Haggadah, die an den Interessen der mitkämpfenden Juden der Rainbow-Division ausgerichtet war. Die Rainbow -Haggada, wie man sie später nannte, wurde auf der Presse gedruckt, die auch die Divisionszeitung hergestellt hat. Zum Reinigen der Presse vor dem Druck der Haggada hatten die Soldaten nur einige Nazifahnen als Putzlappen zur Verfügung, die „ausnahmsweise einmal einen nützlichen Zweck erfüllten“, so der Kommentar der Soldaten.

Eine der Haggadah, die bei diesem Gottesdienst verwendet wurde, befindet sich heute im National Museum of American Jewish Military History in Washington, D.C. Rabbiner Bohnen fand in der Adolf-Hitler-Straße 29 in Dahn einen unbeschädigten Saal um den Gottesdienst abzuhalten. Das Gebäude war die ehemalige Grüne Schule. Es war dies der erste jüdische Gottesdienst im befreiten Deutschland.
Für die schätzungsweise 600-700 jüdischen GIs der Rainbow-Division hatte das Pessachfest 1945 in Dahn eine doppelte Bedeutung: Der Befreiung und Rettung der Israeliten vor über 3000 Jahren aus der Sklaverei des Pharao und jetzt den Sieg über Hitler und seinen Vernichtungsapparat. Generalmajor Harry Collins, der Kommandeur der Division, schrieb in einer Pressemitteilung: „Ich bin sicher, dass dieses Pessachfest für immer in Ihrem Gedächtnis bleiben wird…Seite an Seite mit Ihren protestantischen und katholischen Kameraden kämpfend, sind Sie in diese Hochburg des Tyrannen eingebrochen, um seine Tiraden über das Herrenvolk Lügen zu strafen...“

Jetzt mussten nur noch die für Pessach notwendigen Speisen besorgt werden, die es in Deutschland nicht gab. Rabbiner Bohnen fuhr mit seinem Gehilfen nach Luneville, Frankreich, um Vorräte für die Zubereitung des Pessachmahls zu holen, darunter Hühner, Gemüse, Mazze (ungesäuerte Brote), frische Eier und süßer Wein. Unter Rabbi Bohnens Aufsicht bereiteten die Köche der Abteilung die koscheren Mahlzeiten zu. Jetzt konnte Pessach feierlich begangen werden.

Nach der Pessachfeier in Dahn zog die Rainbow-Division weiter über Würzburg nach Dachau, von da über München nach Salzburg. Wie himmelschreiend das Elend und das Morden in Nazi-Deutschland war, haben die Soldaten der Rainbow Division hautnah bei der Befreiung des KZ Dachau am 29. April 1945 erlebt.

QUELLEN:
- Goldenberg, Richard, Oberst, New York Nationalgarde: Regenbogen-Haggada erinnert jüdische GIs an die Bedeutung der Freiheit.
- Zeitzeugenbericht von Johanna Fischer, 1995
- Weber, Otmar: Die Amerikaner befreien Dahn – Fünf Folgen in der RHEINPFALZ
Pirmasenser Rundschau, 21.03.1995 (1); 22.03.1995 (2); 24.03.1995 (3); 30.03.1995 (4); 06.04.1995 (5)

FOTOS

Die damalige Grüne Schule, Archiv Theo/Peter Zwick

Der erste jüdische Gottesdienst im befreiten Deutschland gehalten in Dahn, Goldberg, Richard, Oberst N.Y.

Rainbow-Soldaten beim Mazzen-Essen, Goldberg, Richard, Oberst N.Y.

General Harry Collins, Divisionskommandeur, Goldberg, Richard, Oberst N.Y.


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