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Der Artikel wurde am 05.08.2025 in der Rheinpfalz Pirmasenser Rundschau veröffentlicht.


Vor 80 Jahren wurden 45 Dahner Bürger nach Poitiers deportiert

Von Otmar Weber

Was am 19. April 1945 in Dahn geschah, hat in der ganzen französischen Besatzungszone keine Parallele. In den frühen Morgenstunden sperrte ein französisches Sonderkommando Dahn großräumig ab. Die Einwohner mussten zur katholischen Kirche St. Laurentius kommen. Französische Soldaten durchsuchten systematisch die Häuser, vereinzelt kam es auch zu Plünderungen. Aus der vor der Kirche versammelten Bevölkerung wurden in Abständen Männer namentlich aufgerufen und in die Kirche beordert.

Die drei Eingänge zur Kirche waren von Soldaten bewacht. In der Kirche konnten zwei Jungen das Geschehen beobachten. Der damals 12-jährige R. A. hielt sich etwa in der dritten Bankreihe der ‚Frauenseite‘ versteckt auf. Ein weiterer Jugendlicher beobachtete das Geschehen von der Empore aus. Nach der Erinnerung von R.A. befanden sich im Chorraum folgende Personen: Links vorm Altar Pfarrer Wilhelm Hafen, links und rechts jeweils zwei mit MP bewaffnete Soldaten, hinter der Kommunionbank ein französischer Offizier.

Pfarrer Hafen ermahnte die in der Kirche versammelten Männer, den Anweisungen des Herrn Offiziers zu folgen. Die namentlich Aufgerufenen sollten zur Kommunionbank vortreten. Die Mitwirkung des Ortsgeistlichen bei der Verhaftung in einer Kirche erscheint damals wie heute bedenklich.

Der Offizier rief die Namen der Männer und Frauen aus einer LISTE auf. Die Selektion in der Kirche dauerte bis zum Nachmittag und verlief nicht reibungslos. Mehrere der aufgerufenen Männer galten als unentbehrlich zur Aufrechterhaltung des öffentlichen Lebens und durften zurückbleiben. Die zu deportierenden Frauen wurden vor der Kirche separat aufgerufen. Insgesamt wurden so 40 Männer und fünf Frauen verhaftet. Kurz nach 16.00 Uhr wurden die 45 Personen in zwei bereitstehende Busse verbracht, die mit unbekanntem Ziel davonfuhren. Die Fahrt ging über Straßburg und den Struthof nach Poitiers. Beim 1. Aufenthalt in Straßburg wurde Hermann Schultz entlassen und durfte nach Dahn zurück. Die Angehörigen der Deportierten hörten von ihren verschleppten Familienmitgliedern wochenlang nichts.

Es ist ein Glücksfall, dass Peter Schappert in einem kleinen Taschenkalender (15 x 10 cm groß) in Gabelsberger Kurzschrift akribisch vom ersten Tag seiner Deportation bis zu seiner Rückkehr aus Poitiers minutiös Eintragungen und Aufzeichnungen vom Lagerleben gemacht hat. Der Taschenkalender ist als wichtigste Quelle erhalten geblieben und gewährt einen realistischen Einblick in den tristen Lageralltag. Laut Peter Schapperts Tagebuch wurden die Gefangenen am 23. April 1945 in das ehemalige KZ Natzweiler/Struthof verbracht. Von hier ging es am 27. April 1945 in geschlossenen Viehwagen nach Poitiers, südwestlich von Paris, wo sie am 29. April 1945 um 7.00 am Bahnhof ausgeladen und nach einem längeren Fußmarsch um 8.00 Uhr im Lager eintrafen. Es war das ehemalige Kriegsgefangenenlager „Champs de la Chauvinerie“. Dort waren französische „Kollaborateure“, vor allem Elsässer gefangen.

Auf dem Marsch zum Lager ist Franz Schreiner zusammengebrochen und verstorben. Er war herzkrank und seine lebenswichtigen Herzmedikamente waren ihm vor dem Abtransport in Dahn von einem französischen Soldaten verweigert worden. Die mitgefangene Marianne Wegmann berichtet, Franz Schreiner sei ohne Fremdeinwirkung niedergestürzt. Hilfe wurde vom französischen Begleitpersonal verweigert und Schreiner zum Weitermarschieren gedrängt. Sowohl Marianne Wegmann als auch weitere Mitgefangene bestätigten, dass Franz Schreiner auf einem Steinhaufen neben der Straße lag und keine Hilfe geleistet werden durfte. Er starb vermutlich an Herzinsuffizienz. Wo er beerdigt wurde, konnte nicht ermittelt werden.

Weitere wichtige Quellen bilden die Briefe, Aufzeichnungen, Akten und Unterlagen von Johannes Theobald, auch die Interviews und Beiträge der Geschwister Ruth und Marianne Wegmann. Hinzukommt der erschütternde Bericht der Elsässerin Madeleine Mittag über ihren Aufenthalt im KZ Struthof, wo sie ihre älteste Tochter zur Welt gebracht hat.

Von den vier Gefangenenlager in Poitiers war über La Chauvinerie am wenigsten bekannt. Bei archäologischen Grabungen nach römischen Relikten wurde es 2008 zufällig „wiederentdeckt“. In seinen 66 Baracken waren insgesamt 4 000 Menschen unter entsetzlichen Bedingungen eingepfercht. Prof. Jean Hiernard aus Poitiers hat das ehemalige Lager wissenschaftlich erforscht. In regem Kontakt stellte Jean Hiernard dem Verfasser alle gewünschten Informationen zu Poitiers in großzügiger Weise zur Verfügung. Besonders wertvoll sind seine Nachforschungen im Stadtarchiv von Poitiers, speziell nach Akten zu den Dahner Deportierten. Im Oktober 2019 fand er sowohl die Totenscheine der beiden in Poitiers verstorbenen Dahner als auch die akribisch geführte Personalakte der 44 Deportierten. Als Verhaftungsgrund ist in jeder Akte ausnahmslos „Deutsches Subjekt“ genannt. Nur bei zwei Männern wird erwähnt, dass sie Mitglieder in der NSDAP waren.

Im Pfarrgedenkbuch der kath. Pfarrgemeinde, das in solchen Angelegenheiten immer eine verlässliche Quelle darstellt, gibt es zu diesen Verschleppungen keinen Eintrag. Pfarrer Hafen erwähnte weder die Ereignisse in der Dahner Pogromnacht vom 10.11.1938 noch die Verhaftungen in der katholischen Kirche vom 19.04.1945. Erst nach 1945 hat Wilhelm Hafen Nachträge hinzugefügt.

Im Lager waren die Menschen ohne Beschäftigung, Hunger war ihr ständiger Begleiter. Das Essen war ungenügend und miserabel. Wer Geld hatte, konnte über den Stacheldrahtzaun zu erhöhten Preisen etwas Zusatznahrung besorgen. Im Lager verhungerten Menschen. Krankheiten grassierten, die Sterblichkeitsrate war hoch, kein Kind unter drei Jahren überlebte. Zwischen März und Oktober 1945 verzeichnen die Archive den Tod von 265 Menschen: 148 Männer, 51 Frauen und 66 Kinder.

Der Leiter des Lagers hatte Lebensmittel und die Milchrationen für die Kinder unterschlagen. Die unhaltbaren Zustände wurden in der Französischen Presse angeprangert, danach trat eine gewisse Besserung ein. Wegen des Skandals wurde das Lager im November 1945 aufgelöst.

Am 27. Oktober traten die Dahner Deportierten von Poitiers aus über Paris, Straßburg, Freiburg und Landau die Heimreise nach Dahn an, wo sie am Montag, dem 19. November 1945 um 7.00 Uhr auf dem Bahnhof Dahn eingetroffen sind: abgemagert, krank und kaum noch gehfähig. Die Frauen waren schon ein paar Tage früher aus Freiburg eingetroffen.

Zwei Männer sind in Poitiers gestorben: Franz Schreiner und Jakob Burkhard. Die Angehörigen wurden über den Tod der beiden nicht informiert. Die deutschen Toten wurden 1961 auf den deutschen Soldatenfriedhof von Mont-d'Huisnes in der Nähe des Mont Saint-Michel umgebettet. Dort hat auch Jakob Burkhard seine letzte Ruhestätte gefunden. Der Name von Franz Schreiner ist dort nicht verzeichnet. Nach Auskunft Prof. Jean Hiernards gibt es in Poitiers von verstorbenen Internierten keine Gräber mehr.

Es bleiben ungelöste Fragen.
1. Wer hat die LISTE erstellt? Johannes Theobald hat nach seiner Entlassung vergeblich den gerichtlichen Weg beschritten, um zu erfahren, wer die LISTE erstellt hatte und wer die Verantwortlichen für seine Deportation waren. Der von ihm angestrengte Prozess wurde am Gericht in Zweibrücken niedergeschlagen mit der Begründung: „Das Ansehen der kath. Kirche werde beschädigt“; das berichtete Johanna Fischer, Theobalds Tochter.
Oberstaatsanwalt a.D. Dr. Fritz Weibel, bezeichnete 1995 bei der Ausstellungseröffnung Die Deportation nach Poitiers laut und deutlich die Geschehnisse um die Deportation als „Die größte Schweinerei, die in Deutschland geschehen ist“. Fritz Weibel war nach dem II. Weltkrieg Oberstaatsanwalt am Gericht in Zweibrücken.
Nach heutigem Kenntnisstand kann gesagt werden: Die LISTE ist von Dahnern erstellt und den Franzosen nach Straßburg zugespielt worden. Sie ist nicht das Werk eines Einzelnen, sondern eine Dahner „Gemeinschaftsleistung". Der Personenkreis der Denunzianten lässt sich auf wenige Männer und Frauen beschränken. Eine letzte Sicherheit über diesen Personenkreis wird es nicht mehr geben. Im Dahner Archiv sind dazu keine Hinweise zu finden. Es gibt nur Vermutungen.

2. Wie wurde die Verhaftung begründet? Um diese Frage zu klären, hat der Verfasser, unterstützt von Prof. Dr. Otto Schantz, 1995 das Departements-Archiv in Straßburg aufgesucht. Der zuständige Beamte hat unsere Bitte höflich angehört und ebenso höflich die Akteneinsicht verweigert. Die allgemein zu hörende Begründung, dass nur NSDAP-Mitglieder deportiert wurden, kann nur bedingt gelten. Während Parteimitglieder zu Hause blieben, wurden Nicht-Mitglieder, ja sogar NS-Opfer, deportiert. Eine schriftliche Begründung für Verhaftung und Deportation ist nicht bekannt. Nach Jean Hiernard war die Begründung für die Inhaftierung der deutschen Gefangenen: „Sie wurden des Nationalsozialismus verdächtigt“.

3. Der Skandal - Familie Wegmann: Zur Gruppe der unschuldig Deportierten gehört mit Sicherheit Familie Wegmann. Die Namen Josef Wegmann (Vater), Ruth und Marianne Wegmann (Töchter) standen ursprünglich nicht auf der LISTE; ihre Namen wurden in der Kirche auch nicht aufgerufen. Marianne Wegmann, eine 16jährige Schülerin bei den Englischen Fräuleins in Landau, wurde am 19. April 1945 nach Ankunft des Zugs in Dahn am Bahnhof festgenommen und direkt zu den Bussen gebracht. Josef Wegmann war weder in der SA noch in der NSDAP. Während der gesamten NS-Zeit hat er seine Stieftochter Ruth beschützt. Er war stets darauf bedacht, dass Ruths jüdische Herkunft nicht bekannt wurde. Josef Wegmann wurde zu Hause abgeholt.

Ruth war 1944 wegen einer Orange denunziert worden, die sie einem abgeschossenen kanadischen Flieger im Dahner Krankenhaus gegeben hatte. Als Volksverräterin zu einem Jahr Zuchthaus verurteilt, wurde sie in das Frauenzuchthaus Ziegenhain überstellt. Im März 1945 wurde sie von englischen Soldaten befreit, erreichte unter abenteuerlichen Umständen Ludwigshafen, von wo sie von ihrem Vater mit dem Fahrrad nach Dahn gebracht wurde. Noch von Hungerödemen gezeichnet, wurde sie in ihrer Wohnung im Büttelwoog wieder verhaftet und von einem Militärpolizisten zu den wartenden Bussen gebracht. Beim Einsteigen konnte Ruth auf der LISTE, die ein französischer Soldat in seiner Hand hielt, die drei Namen Josef, Ruth und Marianne Wegmann lesen, die am Ende der Namensliste mit Bleistift eingefügt waren. Diese Beobachtung hat auch Frau Johanna Fischer einen Tag später auf der französischen Kommandantur (heute Altes Rathaus) gemacht.

Ruth Wegmann wurde zweimal in Dahn denunziert, verhaftet und deportiert:
1944 als NS-Gegnerin und 1945 als NS-Belastete. Die Namen der Täter hat Ruth nie erfahren. Der Fall Wegmann ist und bleibt ein nicht zu fassender Dahner Skandal. Ruth Wegmann, verheiratete Stöckel, ist am 26.01.2021 mit 102 Jahren in Mainz-Kastell gestorben und auf dem Friedhof Mainz-Weisenau beerdigt.

QUELLEN:
- Schappert, Peter; Tagebuch; ein kleiner Taschenkalender (15 x 10 cm groß) in Gabelsberger Kurzschrift.
- Theobald, Johannes; Akten, Unterlagen und Berichte seiner Tochter Johanna, Fischer. - Wegmann, Ruth; Unterlagen; Berichte.
- Wegmann, Marianne; Berichte.
- Mittag, Madeleine; Bericht über Aufenthalt im KZ Struthof.
- Der jugendliche Zeitzeuge R. A.; Bericht über das Geschehen in der kath. Kirche.
- Zeitzeugen. Mehrere Dahner Zeitzeugen berichten über das Geschehen im Ort und vor der kath. Kirche.
- Stadtarchiv Dahn, Die LISTE mit den Namen der Deportierten.
- Prof. Jean Hiernard, Archiv Poitiers, hat dankenswerterweise großzügig Informationen aus dem Stadtarchiv Poitiers zur Verfügung gestellt.

FOTOS

Die Innenansicht der kath. Kirche St. Laurentius 1936, Archiv Theo/Peter Zwick

Das einzige Foto vom Lager Poitiers, Prof. Jean Hiernard, Poitiers

Wegmann, Ruth, Passfoto, Archiv O. Weber


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