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Der Artikel wurde am 02.09.2025 in der Rheinpfalz Pirmasenser Rundschau veröffentlicht.


Die Dahner Synagoge – Ein Kleinod in der Pfalz

Von Otmar Weber

Am 3. April dieses Jahres hat die Stadt Dahn die Synagoge und das dazugehörige ehemalige jüdische Schulhaus gekauft.

Um das jüdische Gedächtnis im Wasgau zu bewahren und zu pflegen, soll die Dahner Synagoge als Ort der Begegnung und Erinnerung an das Landjudentum im Wasgau umgestaltet werden. In der Synagoge sollen die von Dahner Juden gestifteten sakralen und profanen Gegenstände als Dauerausstellung präsentiert werden. Bis jetzt sind über einhundert Exponate vorhanden.

Insgesamt gab es drei Synagogen in Dahn. Die erste 1813 amtlich erwähnte Synagoge befand sich in einem Privathaus in der Kirchgasse 5, wo damals sehr wahrscheinlich der Vorstand der jüdischen Gemeinde gewohnt hat. Zuvor waren die Dahner Juden zum Gottesdienst nach Busenberg gegangen. Busenberg, älteste und größte jüdische Gemeinde im Wasgau, besaß schon um 1750 eine Synagoge, die erst 1951 abgerissen wurde.

Die zweite Dahner Synagoge wurde laut Urkataster 1815 in der Schäfergasse 8 (Judengasse) errichtet. Von diesem Gebäude ist weder eine Beschreibung, Zeichnung noch Foto überliefert. 1871/1872 wurde diese Synagoge abgerissen. Sie war baufällig und für die schnell wachsende jüdische Gemeinde zu klein geworden.

An gleicher Stelle wurde die dritte Synagoge, das heute noch erhaltene Gebäude gebaut und am 4. Juli 1873 feierlich eingeweiht.

Der Anzeiger für die Kantone Landau, Annweiler und Bergzabern berichtet unter dem Datum vom 4. Juli 1873 in überschwänglicher Sprache über die feierliche Einweihung der neu erbauten prächtigen Synagoge „…Glaubensgenossen aus Nah und Fern strömten herbei, diesen Tag in ihrer Weise festlich zu begehen. Alle Häuser waren beflaggt, Arm und Reich, Katholiken und Protestanten, Bürger und Beamte, alle feierten mit. Da schwanden die religiösen wie confessionellen Unterschiede, das Band der Bruderliebe umschlang alle Festgenossen gleich einer großen Familie. …“

1843 wurde neben der Synagoge die israelitische Schule mit Mikwe gebaut, die sich unter dem „Schulsaal“ befindet.

Die frommen Dahner Juden besuchten am Schabbat und den jüdischen Feiertagen ungestört ihre Synagoge in der Judengasse; sie hegten und pflegten sie liebevoll. Das änderte sich mit Hitlers Machtergreifung 1933. Anfänglich waren noch ungestörte Gottesdienste möglich. Karl-Heinz Levy hat 1934 die letzte Bar-Mizwa in der Dahner Synagoge begangen. Ab 1935 häuften sich die Gottesdienststörungen durch NS-Provokateure. SA-Formationen marschierten während des Gottesdienstes laut singend und johlend auf und ab, eine SA-Kapelle aus Pirmasens schmetterte während des Sabbatgottesdienstes lautstark ihre Märsche in die Judengasse, Steine mit antisemitischen Parolen umwickelt wurden durch die Fenster geworfen, Sandsteinsockel und Türklinke der Synagoge wurden mit Exkrementen besudelt. Mehrmals wurden die Eingangstüren während des Gottesdienstes von außen verrammelt.

Das Ende der Dahner Synagoge begann bereits 1935/1936. Das Minjan, die für den feierlichen Synagogengottesdienst geforderte Mindestzahl von zehn erwachsenen männlichen Juden konnte nicht mehr erbracht werden und ständige Störungen des Gottesdienstes durch NS-Pöbeleien machten einen ordentlichen Gottesdienst unmöglich.

Im August 1938 hat Schreinermeister Ludwig Flory aus Busenberg Synagoge und jüdisches Schulhaus gekauft. Die Synagoge hat er sofort in eine Schreinerwerkstatt und das jüdische Schulhaus in ein Wohnhaus umgebaut.

In der Dahner Pogromnacht, die am Spätnachmittag des 10. November stattfand, zog der Mob nach seinem Zerstörungswerk am Haus Julius Levy, Weißenburger Straße 2, in die Judengasse, um die Synagoge anzuzünden. Dort verjagte Flory den Pöbel mit den Worten: “Macht euch davon, Synagoge und Schulhaus sind in meinem Besitz!“ Sicherlich hat auch die Gefahr, dass die angrenzenden Nachbarhäuser und Holzschuppen mitverbrannt wären, die Dahner Synagoge vor der Zerstörung bewahrt.

Beim Umbau der Synagoge hat Schreinermeister Ludwig Flory sowohl innen als auch außen Veränderungen vorgenommen, die dem neuen Verwendungszweck dienen sollten. Im Außenbereich wurden die Rundbogenfenster (Fenster mit Hufeisenbögen) bis auf eines auf der Nordseite durch „Industriefenster“ ersetzt. Ebenfalls auf der Nordseite wurde die Wand für eine breite Eingangstür aufgebrochen. Am Ostgiebel wurde die Apsis mit dem Aron HaKodesch entfernt und ein Fenster eingesetzt. Die steinernen Zehn Gebote-Tafeln auf dem Westgiebel wurden abgenommen.

Im Innern der Synagoge nahm Flory wenig Veränderungen vor. Er hat die vorhandenen baulichen Einrichtungen, soweit brauchbar, in seine Schreinerwerkstatt integriert und somit zahlreiche wertvolle Baudetails für die Nachwelt erhalten. Die Ausmalung der Synagoge hat er nicht zerstört, sondern mit einem Kalkanstrich versehen. Sicherlich unbeabsichtigt wurde dadurch ein Großteil der Synagogenausmalung einfach und wirkungsvoll konserviert. Unter dem Gesichtspunkt der Denkmalpflege muss man Herrn Flory für diese Entscheidung dankbar sein.

Bei der Ausmalung handelt es sich um eine dekorative, am Jugendstil orientierte Schablonenmalerei mit Rankenmustern und floralen Motiven. Die Farben im Innenraum sind Grün- und Brauntöne auf ockergelbem Untergrund. Der Sockel ist dunkelgrün. Die rundum verlaufenden Ornamente sind dunkelbraun und tannengrün auf gelbem Untergrund, abgesetzt vom dunkelgrünen Sockel durch ein karminrotes Band. Die Farbe ist wasserfest und hat einen leichten seidenen Glanz. Laut einer Expertise handelt es sich um die heute kaum noch bekannte Kaseinfarbe. Bearbeitet man den Kalkanstrich leicht mit einem nassen Schwamm, erscheint die Ausmalung im Original.

Die Ausmalung der Holzdecke in der Frauenabteilung wurde ebenfalls durch einen Kalkanstrich konserviert. Von einem taubenblauen Himmel heben sich Sterne in goldener Farbe und verschiedener Größe gut sichtbar ab. Die Sterne erinnern an das 1. Buch Mose, wo Abraham verheißen wurde, dass seine Nachkommen so zahlreich wie die Sterne am Himmel sein werden.

Die Inneneinrichtung und liturgischen Geräte der Dahner Synagoge gingen vollständig verloren. Wo sie verblieben sind, ist nicht bekannt.

Beim Heimattreffen der aus Dahn stammenden Juden im Juli 1991 berichtet Alice Romer, geb. Levy, dass ihre Mutter, Paula Cahn, geb. Katz, bei ihrer Emigration in die USA im Januar 1938 eine Torarolle aus der Dahner Synagoge mit in die USA genommen und in New York einem Rabbiner übergeben habe. Laut Emil Halfen haben seine Eltern die Torarolle gestiftet; ihre Namen, Lepold und Regina waren auf dem Toramantel eingestickt.

Im Wasgau ist das gesamte jüdische Ambiente noch auf engstem Raum erhalten. Mit Synagoge, Friedhof, drei Schulhäuser und der Mikwe unter der jüdischen Schule in Dahn, besitzt der Wasgau Zeugnisse jüdischen Lebens, die in der gesamten Region einzigartig sind.

Die Dahner Synagoge verfügt über wertvolle Zeugnisse:
- Die vollständige mit Sternen bemalte Decke.
- Das aus architekturhistorischer Sicht vollständig erhaltene Portal und das erhaltene Fenster auf der Nordseite; sie sind die einzigen erhaltenen Beispiele der für die Pfalz im 19. Jahrhundert so typischen orientalisierenden Gestaltungselemente einer Dorf-Synagoge.
- Das wertvollste Zeugnis dürfte die florale Jugendstilausmalung der Dahner Synagoge sein. In ihrer Vollständigkeit ist sie einmalig in der Pfalz.
Sie wird restauriert ein Anziehungspunkt für Besucher sein.
Ein Juwel, auf das die Stadt Dahn stolz sein kann.

QUELLEN:
- Weber, Otmar, Die Synagogen in der Pfalz von 1800 bis heute, Dahn 2005, S. 255 – 286
- Marc Ryszkowski, Aus seiner Forschungsarbeit (Dissertation in Arbeit). Informationen zur Dahner Synagoge
- Archiv der Verbandsgemeinde Dahn ( AVG Dahn)
- Landesarchiv Speyer (LA SP)
- Familie Flory, Baupläne, Aktenmaterial
- Zeitzeugen: Katz, Wilhelm (Bill), USA - Levy, Karl-Heinz, USA – Meta Rosenstiel, verh. Serrand, Schweinfurt – Klemm, Erwin, Dahn.

FOTOS

Die Synagoge um 1930, Repro Helmut Repp, Foto, O. Weber

Synagoge Innenansicht um 1930, Zeichnung Karl-Heinz Levy, Foto O. Weber


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