Der Artikel wurde am 18.10.2025 in der Rheinpfalz Pirmasenser Rundschau veröffentlicht.
Die Deportation der Pfälzer Juden vor 85 Jahren nach Gurs
Von Otmar Weber
Vor 85 Jahren, am 22. Oktober 1940, erloschen die jüdischen Gemeinden in unseren Städten und Dörfern. Das blühende Landjudentum in der Pfalz wurde ausgelöscht. Auf Betreiben der saarpfälzischen und badischen Gauleiter, Josef Bürckel und Robert Wagner, wurden etwa 6500 Juden aus Baden, der Pfalz und der Saarpfalz in das Internierungslager Gurs/Südfrankreich am Fuße der Pyrenäen deportiert: Männer und Frauen, Kinder und Greise. Die Aktion fand mit dem Einverständnis Adolf Hitlers und des SS-Führers Heinrich Himmler statt. Es war die erste planmäßige Deportation von Juden aus Deutschland.
Noch am gleichen Abend meldete Josef Bürckel stolz seinem Führer Adolf Hitler:
„DIE PFALZ IST JUDENFREI." – 824 Juden haben ihre pfälzer Heimat verlassen müssen.
Aus dem Wasgau wurden keine Juden direkt verschleppt, da am 1. September 1939 die gesamte Bevölkerung aus der „Roten Zone“ – einem etwa 20 km tiefen Streifen entlang der französischen Grenze – evakuiert wurde. Die Nichtjuden aus den Wasgaudörfern kamen großteils nach Mainfranken. Die Juden fanden bei Verwandten und Bekannten in Speyer, Ludwigshafen und Mannheim Unterschlupf. Von dort wurden 20 aus Dahn, 8 aus Busenberg und 6 aus Erlenbach nach Gurs deportiert. 19 sind im Holocaust umgekommen.
Eine Ausnahme bilden Max Samuel mit Ehefrau Johanna und Sohn Julius. Sie wurden am 22.10.1940 von Erlenbach nach Gurs verbracht, kamen 1941 nach Les Milles, wenig später ins Hotel Bompard in Marseille; von dort sind sie im November 1941 mit dem Schiff „Exeter“ über Lissabon in die USA ausgewandert. Max Samuel ist am 26.06.1954 in Chicago/USA verstorben.
Die damals sechzehnjährige Lore, Tochter von Josef und Thekla Katz, Dahn, Marktstraße 14, war im August 1938 mit ihrer Familie nach Ludwigshafen in die Prinzregentenstraße 26 verzogen. Sie hat dem Verfasser bei mehreren Treffen zwischen 1988 – 1995 in Mannheim, Dahn und USA ausführlich über die Deportation und ihre Aufenthalte in den französischen Lagern berichtet.
Im Folgenden das stark zusammengefasste Interview mit Lore Katz, verheiratete Wertheimer:
„Um 5.00 Uhr morgens erschien die Gestapo und teilte uns mit, dass wir in einer Stunde abgeholt würden. Pro Person durften wir 50 Kilogramm Gepäck mitnehmen. Mutter packte in aller Eile und machte belegte Brote. Das Wenige, das wir von Dahn her noch hatten, mussten wir zurücklassen. Um 6.00 Uhr ging es zu einem festgesetzten Sammelplatz. Von hier wurden wir mit weiteren jüdischen Familien auf Lastwagen zum Hauptbahnhof Ludwigshafen gebracht. Hier trafen wir Freunde und Bekannte. In zwei Extrazügen ging es zwei Tage quer durch Frankreich über Toulouse bis Oloron. Hier wurden wir auf offene Lastwagen geladen und in einer regnerischen Nacht ins Camp Gurs gebracht.
Wir kamen in leere Baracken, in denen zuvor Spanienkämpfer interniert waren.
Die Baracken waren ohne Fenster und Boden; es gab weder Betten noch Stühle, auch kein Wasser, sogar ein Ofen fehlte. Männer und Frauen wurden streng getrennt. Die 380 Baracken waren in sogenannten Ilots (Inseln) zusammengefasst. Etwa 28 Baracken, die mit einem Stacheldrahtverhau umgeben waren, bildeten ein Ilot. Zum Verlassen des Ilot bedurfte man einer Genehmigung. Ich war zusammen mit meiner Mutter Thekla und Tante Marianne, im Ilot L untergebracht. Dort trafen wir auch zwei Schwestern meiner Mutter aus Venningen.
Im Männer-Ilot J waren mein Vater, Ludwig Levy, dessen Bruder Julius und sein Sohn Helmut aus der Weißenburger-Straße 2, einquartiert.
Unsere Baracke im Frauen-Ilot war mit etwa 70 Frauen und Mädchen belegt. Anfangs schliefen wir auf dem nackten Boden. Erst später erhielten wir Strohsäcke. Die Kleider behielten wir auch nachts an, einerseits der Kälte wegen, andererseits, damit sie uns nicht gestohlen wurden. Die Baracken hatten nur verstellbare Dachluken. Es war immer dunkel und kalt. Erst später erhielten wir einen Ofen. Die hygienischen Verhältnisse waren katastrophal. Mäuse und Ratten waren eine Plage, besonders schlimm waren die Filzläuse. Die Wege im Lager verwandelten sich nach den häufigen Regengüssen in Sumpf- und Morastwege. Die Latrinen befanden sich außerhalb der Baracken und stellten eine Art „Hochstand“ dar, der über Holztreppen erreichbar war; dort war es zugig und kalt, unzumutbare Verhältnisse für die von Durchfall und Ruhr geplagten Lagerbewohner. Manche Frau kam von einem Gang außerhalb der Baracke nur noch mit einem Schuh zurück, der andere war im Schlamm steckengeblieben.
Das Essen war schlecht und ungenügend. Es gab schwarzen Kaffee, zu wenig Brot und eine dünne Wassersuppe, die mit etwas Rüben, Kraut oder Kartoffelstückchen angereichert war. Fleisch gab es so gut wie nie. Diejenigen, die Geld hatten, konnten in französischer Währung innerhalb und außerhalb des Lagers zu überhöhten Preisen auf dem Schwarzmarkt Lebensmittel kaufen.
Uns Kindern half das jüdische Kinderhilfswerk (OSE). Wir erhielten wöchentlich Fette, braunen Zucker, Brot und Kakao. Ohne diese Zusatznahrung hätten viele Kinder nicht überlebt.
Am 14. Dezember 1940 starb meine Mutter. Sie wurde auf dem Friedhof am Nordrand des Lagers beerdigt. An diesem Tag wurden weitere vierzehn Tote bestattet, darunter auch zwei Cousinen meiner Mutter. Ihr Grabstein trägt die Nr. 393. Nach dem Tod meiner Mutter durfte ich zum ersten Mal nach zwei Monaten unser Ilot verlassen. Seit dieser Zeit konnte ich täglich meinen Vater besuchen.
Am 11. März 1941 kam ich mit meinem Vater von Gurs in das Lager Rivesaltes am Mittelmeer. Hier traf ich auf meine gleichaltrige Freundin Gertrud Levy aus Dahn. Wir besuchten im Camp gemeinsam einen Nähkurs. Dass mich meine Mutter in Dahn zu den kath. Dahner Schwestern geschickt hatte um Stricken und Nähen zu lernen, erwies sich hier als großer Vorteil.
Gertruds Vater, Julius Levy, war nach seiner Verlegung nach Rivesaltes als Magazinverwalter angestellt worden. Dafür wurde ihm eine „Zweizimmerwohnung“ zur Verfügung gestellt. Hier traf ich mich täglich mit meiner Schulkameradin zum Handarbeiten.
In Rivesaltes waren die Baracken zwar massiv gebaut, aber die Menschen waren über- und nebeneinander in kleinen Verschlägen, von uns „Hasenställe“ genannt, untergebracht. Das Essen war etwas besser. Auch waren die Wege befestigt. Unangenehm waren die Flöhe, Läuse und die stinkenden Wanzen, die nachts von der Decke fielen.
Von Rivesaltes aus wurde ich in ein Kinderheim im Département Cantal gebracht. Zu Beginn der Deportationen nach Auschwitz im Sommer 1942 wurde ich drei Monate bei Schwestern in einem Kloster versteckt. Mit gefälschten Ausweispapieren versehen, lebte ich dort unter dem Namen Laure Keller zuerst bei einer Familie in den Bergen bei Grenoble, danach bis Kriegsende bei einer Familie in Lyon. Auch hier musste ich als Jüdin unerkannt bleiben, um nicht an die Deutschen ausgeliefert zu werden.“
Lores Vater war wegen eines Prostataleidens von Rivesaltes nach Perpignan ins Krankenhaus gebracht worden.
Am 8. November 1943 wurde Josef Katz schwer krank auf einer Bahre abgeholt und zur Deportation nach Rivesaltes gebracht, am 20. November 1943 von Drancy mit dem Transport Nr. 62 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.
Lore Katz, verheiratete Wertheimer, ist am 11. Mai 2007 in Philadelphia/USA gestorben.
Von den aus Baden, Pfalz und der Saarpfalz deportierten Juden starben rund 2000 in den französischen Lagern. Annähernd 4000 sind in den Gaskammern von Auschwitz, Majdanek und Treblinka ermordet worden. Nur wenige kehrten nach 1945 zurück.
Aus unserer Region hat kein Deportierter das Vernichtungslager Auschwitz überlebt.
- Weber, Otmar, Die Deportation 1940 – Der lange Leidensweg der deportierten Juden, (Die Schicksale von 34 Deportierten aus dem Wasgau erforscht und dokumentiert), Die RPF PR, 21.10.2000.
- Paul, Roland, Pfälzer Juden und ihre Deportation nach Gurs – Schicksale zwischen 1940 und 1945. Biographische Dokumentation, 2017.
- Katz, Lore, verheiratete Wertheimer; Interview mit Otmar Weber 1988 bis 1995, mehrfach veröffentlicht.
Lore Katz, Marktstraße 14. hat mit ihren Eltern, Vater Josef und Mutter Thekla Katz, Dahn im August 1938 verlassen und ist nach Ludwigshafen gezogen. Von dort wurde die Familie am 22.10.1940 in das Lager Gurs deportiert. Nach dem Tod ihrer Mutter Thekla im Dezember 1940 wurde Lore mit ihrem Vater 1941 in das Lager Rivesaltes am Mittelmeer verlegt. Ihr Vater wurde nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Lore hat überlebt und ist in die USA ausgewandert.
- Gertrud Levy, Weißenburger Straße 2, die mit ihrer Familie am 1. September 1939 von Dahn nach Ludwigshafen & Mannheim gezogen ist, wurde ebenfalls nach Gurs deportiert und später nach Rivesaltes. Sechs ihrer Familienmitglieder wurden ermordet, sie hat als Einzige überlebt. Ein Bericht von Gertrud liegt dem Verfasser ebenfalls vor.
FOTOS
Deportations-Route – Zugfahrten in den Untergang, Repro O. Weber
Das Internierungslager Gurs, Repro O. Weber
Das Küchenpersonal im Camp Gurs 1941, Foto O. Weber
Camp de Rivesaltes, Lore Katz & Gertrud 1942 in der Nähstube, Foto O. Weber
© Arbeitskreis Judentum im Wasgau, Otmar Weber, Schillerstrasse 10b, 66994 Dahn